San Francisco (USA) 10. April 2026
Müssen die Maschinen zerschlagen werden?
Ein Mann attackiert das Haus von Sam Altman, autonome Taxis gehen in Flammen auf. Der Anti-KI-Backlash wird gewaltsam – und verbindet Menschen, die sonst nichts teilen.
Was tun, wenn die Zukunft bedrohlich erscheint? Verzweifelt man, geht man in die Politik oder verschwindet gleich in die Wildnis? Ein junger Mann in den USA fand kürzlich eine andere Antwort: Alles anzünden. Letzten Freitag, in den frühen Morgenstunden, warf er zunächst einen Molotowcocktail auf das Haus von Sam Altman, floh dann zu Fuß und wurde wenige Stunden später mit einem Behälter voller Kerosin vor dem Hauptquartier von OpenAI festgenommen. Bei sich, so berichtet es das FBI, trug er ein Manifest, in dem er sich gegen künstliche Intelligenz (KI) richtet.
Der Mann ist Berichten zufolge 20 Jahre alt und heißt Daniel M. Rasch spürten Medien seinen digitalen Fußabdruck auf, fanden einen Instagram-Account und einen Substack-Newsletter, die mutmaßlich diesem mutmaßlichen Täter gehören und auf denen mehrere Beiträge über unsere technologische Gegenwart und Zukunft zu finden sind: Das existenzielle Risiko durch KI lautet der Titel eines langen Essays, in dem er vor der kommenden Superintelligenz warnt und das Buch If Anyone Builds it, Everyone Dies des KI-Untergangspropheten Eliezer Yudkowsky empfiehlt. Ein anderer ist betitelt als Eine Grabrede auf die Menschheit, wo er unterscheidet zwischen den Figuren des ehrenvollen »Märtyrers«, der für seine Ideale sterben würde, und des kampfbereiten »Kriegers«, der für sie zu töten bereit ist. Der Text schließt mit einer Positionierung: »We«, die Menschheit, »are worth fighting for.« Nun wird M. unter anderem des versuchten Mordes an Sam Altman angeklagt – und vermutlich viele Jahre im Gefängnis verbringen. Nur wenige Tage später feuerten zwei unbekannte Schüsse auf Altmans Haus ab. Motiv bislang unbekannt.
So verwerflich Gewalt wie die gegen Altman ist, scheint diese Attacke doch auch Symptome zu sein. Nicht nur in M. brodeln Wut und Angst vor einer KI-Zukunft, in der das Menschliche optional erscheint. Sie hat sich gesamtgesellschaftlich festgesetzt, global sogar: Man fürchtet, dass die Maschinen uns ersetzen oder wir, um mitzuhalten, zunehmend selbst wie Maschinen funktionieren müssen.
Dieser Druck entlädt sich nicht unbedingt gegen die Entwickler, das ist ein besonders extremer Fall, sondern oft gegen die Technologien selbst: In Großbritannien und den USA mehrten sich zuletzt Angriffe auf autonome Lieferroboter; sie wurden getreten, geschlagen und mit Graffiti beschmiert. In Kalifornien, Patient null für viele unserer Zukunftstechnologien, wurden selbstfahrende Taxis sabotiert oder sogar zerstört. In Indianapolis feuerte jemand mitten in der Nacht 13 Schüsse auf das Haus eines Stadtrats und hinterließ einen Zettel auf der Fußmatte mit der Aufschrift »NO DATA CENTRES!« Weniger militant, doch in überraschender Allianz ziehen im mittleren Westen der USA plötzlich Maga-Wähler mit Sozialisten wie dem US-Demokraten Bernie Sanders an einem Strang, um gegen den Bau energiehungriger KI-Rechenzentren durch große Tech-Unternehmen zu protestieren – und gewinnen: Rechenzentren im Gegenwert von 64 Milliarden Dollar wurden laut eines Berichts von Data Centre Watch durch Proteste entweder verhindert oder verzögert.
Angst vor Weltuntergang oder vor Ausbeutung?
Der Anti-KI-Backlash ist breit, womöglich sogar, wie das Magazin Fortune kürzlich schrieb, zunehmend »revolutionär«, im Sturm-auf-die-Bastille-Sinn. Doch die Beteiligten bilden keineswegs eine homogene Gruppe. Um besser zu verstehen, was sich darin vermischt, lohnt es sich, zunächst zwischen zwei Fraktionen zu unterscheiden: den Doomern und den Ludditen.
Glaubt man dem Substack unter seinem Namen, gehörte M. zu ersteren. Die KI-Doomer, vom englischen Wort doom für Untergang und mitunter durchaus als Selbstbeschreibung verwendet, blicken im größten nur denkbaren Maßstab auf künstliche Intelligenz. Ihre Sorgen sind apokalyptisch, zwar auf Software bezogen, doch quasi-religiös durchtränkt. Mit den größten Fans und Vertretern der Technologie teilen sie den Tech-Optimismus: Sie sind überzeugt, dass KI immer wirksamer und mächtiger werden wird – nur wollen sie diesen Umstand nicht befördern und beschleunigen, sondern sie fürchten ihn.
Der spezifische Moment, der sie ängstigt, ist jener, in dem eine hypothetische KI in der Lage ist, sich selbst umzuprogrammieren und zu verbessern. Das würde eine Intelligenzexplosion produzieren, in der die KI sich immer weiter verbessert, bis de facto Gott entsteht. Die Doomer nennen es nicht zwangsläufig so, sprechen von AGI (Artificial General Intelligence) oder Singularität, doch was sie in unserer Zukunft vermuten, ist so weit entrückt von allem Menschlichen, dass außer theologischem Vokabular nichts greift.
Tech-CEOs selbst bedienen sich häufig bei den Vorhersagen der Doomer, um damit in einer geschickten Rechts-Links-Kombination Marketing zu betreiben. Zunächst: »Was wir bauen, ist schrecklich gefährlich!« Und direkt hinterher: »Und nur wir können es kontrollieren!« Während sie gleichzeitig die KI-Entwicklung in immer rasanterem Tempo und mit immer weniger Sicherheitsvorkehrungen vorantreiben, haben sich desillusionierte Teile der Doomer in ihren Vorhersagen zunehmend radikalisiert: In M.s Substack steht, wir würden Tech-CEOs erlauben, »uns gen Auslöschung zu treiben.« In Eliezer Yudkowsky oben erwähntem Buch If Anyone Builds it, Everyone Dies ist der Titel Programm; und im Jahr 2025 prophezeite das einflussreiche Paper »AI 2027« die KI-Katastrophe schon für kommendes Jahr. In der einen Interpretation streiten hier einige ehrsame Recken für eine menschliche Zukunft, in der anderen handelt es sich um religiöse Fanatiker, die – wie so viele Sekten vor ihnen – Armageddon stets hinter der nächsten Ecke vermuten.
Der Blick der zweiten Anti-KI-Fraktion ist weniger kosmisch geprägt. Die Ludditen sind eigentlich eine historische Truppe von Arbeitern, benannt nach Ned Ludd, einem quasi-mythischen Webermeister, der der Legende zufolge im Jahr 1779 zwei mechanische Webstühle zerschlug. Als britische Weber sich 1810 gegen die beginnende Mechanisierung ihrer Arbeit erhoben, Fabriken stürmten und Maschinen zerschlugen, beanspruchten sie den legendären General Ludd als ihren Anführer. In Deutschland kennen wir diese webstuhlzerschlagenden Arbeiter unter einem anderen Namen: die Maschinenstürmer.
In den USA berufen sich mittlerweile immer mehr Linke wieder auf die Bewegung und nennen sich Neo-Ludditen. Denn historische Analysen zeigen, dass Ludditen nicht, wie heute gern erzählt wird, naive Fortschrittsfeinde waren. Sie waren hoch qualifizierte Handwerker, die direkt durchschauten, wie die Besitzer der neuen Maschinen aktiv darauf aus waren, ihr Handwerk durch Mechanisierung abzuwerten. Lange protestierten sie friedlich, erst als der Staat Repressionen einleitete und die Bosse Löhne immer weiter drückten, begannen die Weber, Maschinen zu zerschlagen – doch nur die jener Arbeitgeber, die vorher nicht hatten verhandeln wollen. Den Rest ließen sie unbehelligt stehen.
Sie scheiterten. Die britische Regierung schlug ihre Proteste bald mit der Armee nieder. Und doch sollten sie recht behalten: Laut des Wirtschaftshistorikers Carl Benedikt Frey und seinem Buch The Technology Trap sank der Lebensstandard der Arbeiter enorm, und es dauerte drei Generationen, bis die Reichtümer des neuen Kapitalismus bei den Arbeitern ankamen. Das Maschinenstürmen war kein Kampf gegen Technologie, sondern gegen ihre sozialen Folgen.
Von diesem Geist ist auch die heutige Koalition derer durchdrungen, die die sozialen Konsequenzen von KI mehr fürchten als ihr göttliches Zerstörungspotenzial: der erfolgreiche Streik der Hollywood-Gewerkschaften gegen KI-Nutzung bei der Filmproduktion im Jahr 2023. Proteste gegen selbstfahrende Taxis und autonome Lieferroboter, weil sie vermeintlich Jobs stehlen oder weil sie aufgrund ihrer vielen Kameras als Teile eines knospenden Überwachungsstaates verstanden werden. Demonstrationen gegen Rechenzentren, weil sie der greifbare Teil der abgelehnten KI-Revolution sind oder weil ihr Energie- und Wasserverbrauch mit dem von mittelgroßen Städten mithält oder einfach nur, weil sie die Gegend verschandeln.
Und doch schreiten der Ausbau und die Entwicklung künstlicher Intelligenz ungehemmt voran. Der Backlash, ob durch Ludditen oder durch Doomer, wird heftiger, und in ihrer Hilflosigkeit finden manche Menschen offenbar zunehmend auch Gewalt akzeptabel. Wer nach der Molotow-Attacke auf Altmans Haus unter Berichten darüber in die Facebook-, Instagram- oder TikTok-Kommentarspalten blickte, fand dort wenig Beileid, dafür oft Jubel und hämische Kommentare. Unmittelbar werden Erinnerungen wachgerufen an die Tötung des UnitedHealthcare-CEOs Brian Thompson im Dezember 2024 – die von den vielen US-Nutzern in den sozialen Medien überparteilich gefeiert wurde. Der Frust auf die US-Gesundheitsindustrie war unter ihnen so heftig, dass man sogar eine Tötung bejubelte. Der mutmaßliche Schütze, Luigi Mangione, ist seitdem ein Internetliebling.
Und nicht nur Mangione ist ein überraschender Punkt der Einigkeit in den gespaltenen USA: Ebenfalls fraktionsübergreifende Karriere hat in den letzten Jahren ausgerechnet Ted Kaczynski hingelegt, besser bekannt als der Unabomber, der zwischen 1978 und 1995 in den USA Paketbomben an Menschen verschickte, die seiner Meinung nach die Verbreitung moderner Technologien beförderten.
Die kuriose Querfront des Technik-Widerstands
Die Kampagne des Unabombers, der 2023 im Gefängnis starb, tötete damals drei Menschen und verletzte über zwanzig weitere. Und doch hat sein Manifest Industrial Society and Its Future, das gegen den technologischen »Fortschritt« wettert und mit dem Satz beginnt »Die industrielle Revolution und ihre Folgen waren eine Katastrophe für die Menschheit«, besonders in den letzten Jahren überparteilich Karriere gemacht: Es wurde öffentlich gelobt von Figuren wie Elon Musk, dem Maga-Propheten Tucker Carlson, linken Antikapitalisten und sogar Luigi Mangione, die alle wenig gemein haben außer, wie es scheint, der Überzeugung, dass mit unserer technologischen Gegenwart etwas schiefgelaufen ist.
Der Widerstand gegen Technologie, selbst der militante, schafft kuriose Querfronten – doch wieso? Eine Antwort findet sich womöglich in dem kürzlich veröffentlichten Buch Techno-Negative des Humangeografen Thomas Dekeyser. Darin beraubt er dem KI-Backlash der Gegenwart jeder Einzigartigkeit, indem er den Wunsch, Maschinen zu zerschlagen, bis in die Antike zurückverfolgt. Denn, so erarbeitet Dekeyser, jede neue Technologie deutet auch immer um, was es heißt, Mensch zu sein, da wir uns immer auch im Austausch und in der Abgrenzung zum Nicht-Menschlichen definieren.

